in ruhiger Nacht
Es ist still um mich, ich bin allein. In den Zimmern über mir schlafen mehr als zweihundert Menschen. Gut, manch einer der Gäste genießen vielleicht noch das Berliner Nachtleben. Ich mag diese einsamen Stunden, wenn ich allein bin, wenn die Gäste schlafen und ich arbeite, nachts, weit nach Mitternacht. So manch eine Idee für ein Gedicht ist mir in dieser Zeit gekommen, in der ich meine Gedanken fliegen lasse, ungezügelt und frei, dabei im Frühstücksraum fachgerecht die Tische eindeckend. Ab und an klappt die Eingangstür des Hotels, Gäste haben den Weg zurück gefunden. „ Buenos Noches oder good night“, ein hingehauchter Gruß und sie sind im Aufzug verschwunden. Wo mögen sie jetzt hergekommen sein, was haben sie erlebt in Berlin? Ich werde es nie erfahren, welche Bar sie besucht haben, welcher Cocktail ihnen gemixt wurde. Auch das macht den Reiz dieser Nachtdienste aus, beflügelt Phantasie, wenn ich mich darauf einlasse, was ich gern und häufig tue. Manchmal läuft im Hintergrund das Radio, alte Hits aus einer längst vergangenen Zeit lassen mich beschwingt mitsummen. Das Leben ist schön. Die Kaffeemaschine gluckert. Das Geräusch ist laut und deutlich zu hören. Allein in der Lobby, ein heißer Kaffee, und Gedanken, die fliegen... Gefühle, die sich ausbreiten in mir, leicht, wie schwebend. Ich bin froh, dass ich das kann, mit mir allein sein in den Nächten, ohne Kollegen, ohne Gespräche, ohne Hektik. Es sind meine ruhigen Nächte, mit klar umrissenen Aufgaben, die ich in Ruhe erfüllen kann, ohne Zeitdruck. Ich hatte auch schon andere Nächte, klar, in der die ältere Dame mir nach dem dritten Glas Wein ihre traurige Geschichte erzählte, und dass ihr Mann sie nicht mehr liebt. Ich hörte ruhig zu und irgendwann griff sie meine Hand und begann zu schluchzen. Wie schmunzelten wir beide, als sie in der nächsten Nacht mit ihrem Göttergatten an der Bar erschien, als sei nie etwas gewesen. So manche Geschichte habe ich an der Bar gehört, skurille, traurige, witzige. So manches Mal lachte ich mit den Gästen, erzählten wir uns gegenseitig Witze. Später, beim Gläser spülen, ließ ich das Erlebte nachwirken, setzen, manches wäre eine schöne Kurzgeschichte geworden, hätte ich zu dieser Zeit schon geschrieben. Immer noch wirkt die Stille beruhigend auf mich... ich möchte die Augen schließen und sie aufsaugen. Bald kommen die ersten Gäste, wollen frühstücken, lassen den Tag erwachen und schicken die Nacht zur Ruhe. Nur weiß ich, in der nächsten Nacht wird er wieder wirken, der Zauber der ruhigen Nacht, in der meine Gedanken ungezügelt fliegen und ich bin gespannt, was mir wieder einfallen wird.