Es sollte eine reine Routine werden. Eine kurze Visite bei der Hausärztin. Er wußte, die Ärztin war gründlich, er kannte sie lange genug. Sie nahm sich immer Zeit für Ihre Patienten, fragte auch nach familiärem. So auch diesmal, eine angenehme Plauderei, einige Messungen, alles easy. "Bleiben Sie noch ein wenig hier liegen, ich komme nochmal wieder...", meinte sie zu ihm. Er wusste, dass sie immer mehrere Patienten zugleich behandelte, es war nicht neu für ihn. Plötzlich standen mehrere Männer in weissen Kitteln mit einem Rollstuhl vor seiner Liege. " So , dann wollen wir mal ins Krankenhaus fahren," meinte der eine. "Wieso, ich gehe jetzt nach Hause", meinte er und wollte aufstehen. "Sie kommen mit, hinsetzen", meinte der Mann. "Ich kann laufen", wollte er protestieren, doch der Mann schnitt ihm das Wort ab. "Nicht, solange wir nicht wissen, ob es ein Herzinfarkt war. " Er war sehr still, HERZINFARKT, merkt man das nicht , fragte er sich. Jetzt lag er schon 2 Stunden in diesem weissen Saal, vollgestellt mit medizinischen Apparaturen. Er hatte viel Zeit zum Nachdenken, über sich, sein Leben, seine Fehler. Er war Anfang 40, was hatte er erreicht im Leben? Eine Frau, einen Sohn, eine schöne Wohnung, eine Arbeit , die ihm Spass machte, und sonst? Mit einem Herzinfarkt würde er weiterleben können, das wusste er, zwar etwas ruhiger, aber es war möglich. Was würde er anders machen, was war falsch, was müsste er korrigieren? Viele Fragen ohne Antworten. Hatte er zu viele Kompromisse gemacht, zu viel von sich aufgegeben? Welche Wünsche hatte er, ungelebt und halb vergessen? Die Augen geschlossen, liess er sein Leben ablaufen, die Schule, Lehre, Armeezeit, seine erste Ehe, eine schöne Zeit. Die Trennung 1990, die Wendewirren hatten sie nicht überlebt. Seine zweite Frau, das gemeinsame Kind, Babyzeit, das Heranwachsen, die Einschulung, all das zog an ihm vorbei. Fast 3 Stunden lag er jetzt hier, was wurde das? Hatte er nun einen Infarkt oder nicht? Unsicherheit nagte an ihm. Zu oft war er unbeherrscht gewesen, hatte den Jähzorn zu oft wüten lassen. Hatte das sein Herz angegriffen? Er nahm sich vor, ruhiger zu leben, gelassener zu werden, das Leben mehr zu geniessen. Die Tür öffnete sich, eine junge Ärztin kam herein. "Sie hatten keinen Infarkt!", meinte sie lächelnd. Er spürte Erleichterung, Freude, aber auch die Gewissheit, dass er einiges in seinem Leben würde ändern müssen.